Stanford, 01.07.1960, US-Olympiaqualifikation
1.
2,22 John Thomas USA
2. 2,13 Joe Faust USA
3. 2,105 Charles Dumas USA
4. 2,08 Erroll Williams USA
5. 2,08 Charles Lewis USA
6. 2,055 Herman Wyatt USA
Die
Spitzenposition des schlanken, schwarzen Amerikaners John Thomas war
im Vorfeld der Olympischen Spiele 1960 in Rom so eindeutig wie in kaum
einer anderen leichtathletischen Disziplin. In seinem eleganten Stil,
dem geschmeidigen Bewegungsablauf und der Fähigkeit seine überlangen
Beine akrobatisch zu spreizen (seinen Spagath über der Latte nannte
man "Six-o'clock-Stil") war er unerreicht, wenn es überhaupt
einen Kritikpunkt an seiner Technik gab, war es die Tatsache, dass er
verhältnismäßig bedächtig anlief und nur eingeschränkt
in der Lage war, eine hohe Anlaufgeschwindigkeit in Sprunghöhe
umzusetzen.
Dieser Thomas untermauerte seine Herrschaft unter den Hö-henjägern
in einem ein-zigartigen Wettkampf - und das ausgerechnet bei den US-Trials
im Stanford Stadion von Palo Alto. Bis zur Höhe von 2,13 hatte
er in dem 17-jährigen, nur 1,83 großen (kleinen) Joe Faust
einen Konkur-renten, doch danach wurde der frühe Abend die Ein-Mann-Show
des Weltrekordlers. Der aufgelegte Weltrekord von 2,195, womit er seinen
Hallenrekord aus dem Winter wieder-holte, wurde um 19.05 Uhr so deutlich
überflo-gen, dass die Zuschauer spürten - es war noch mehr
drin. Auch die verhaltene Freude des, allerdings ohnehin eher in sich
gekehrten Springers, ließ etwas von der Konzentration und dem
Lei-stungswillen spüren, der ihn in diesem wichti-gen Wettkampf
gepackt hatte.
Das Kampfgericht legte nun 7'3 7/8''auf, eine Höhe, die umgerechnet
2,2322m entsprach. Thomas lief an und wand seinen Körper erneut
um die Latte, berührte sie dabei leicht aber sie fiel nicht. Die
Freude des Athleten war nach diesem Sprung überschwenglich, jedoch
be-wahrte er sich so viel Konzentration, dass er sogar noch 2,26 auflegen
ließ. Die Versuche misslan-gen zwar, doch schien es den Augen-zeugen
so, dass auch diese unglaubliche Höhe einmal möglich wäre.
Bei der formalen Bearbeitung leistete sich die IAAF einen Schildbürgerstreich
ganz besonde-rer Art: Eine amerikani-sche Wettkampfvorschrift besagt,
dass die Hochsprunghöhe nur in Viertel Zoll gesteigert wer-den
darf und danach lediglich 7'3 ¾'' hätten aufgelegt werden
dürfen. Diese reduzierte Höhe von umgerechnet 2,2290m wurde
dann auf metrische 2,22m abgerundet, auch wenn am Bandmaß tatsächlich
mehr als 2,23 abgelesen worden wären.
Bei der überlegenen Steigerung war dieser Zentimeter mehr oder
weniger für John Thomas gleichgültig, hatte er doch vor der
nächstbesten Leistung aller Zeiten (2,16m) einen Vor-sprung von
unglaublichen sechs Zentimetern.
Die Olympischen Spiele in Rom rückten näher und Thomas schien
die sicherste Bank für eine Goldmedaille in der Leichtathletik
zu sein, was bedeutete da schon, dass ein 18-jähriger Sibirier
namens Valeri Brumel den Europarekord am 13.08. auf 2,17 verbessert
hatte? In der Olympiavorschau der deutschen Fachzeitschrift "Leichtathletik"
wurde die Erwartung an Thomas wie folgt formuliert: "John Thomas
ist der Favorit der Favoriten, wenn er nicht die Goldmedaille gewinnt,
wäre das die größte Sensation dieser Olympischen Spiele!"
Natürlich wissen wir heute, dass diese Sensa-tion tatsächlich
eintrat, Thomas war bei der Sprunghöhe von 2,14 als einziger Amerikaner
übrig geblieben und musste sich noch mit den drei sehr sauber und
sicher springenden Robert Schawlakadse, Valeri Brumel und Viktor Bolschow
auseinandersetzen. Als einziger meisterte Robert Schawlakadse die nächste
Höhe von 2,16 nach einer Wettkampfdauer von vier Stunden im ersten
Versuch. Schawlakadse war 27 Jahre alt und hatte eine Bestlei-stung
von 2,13 aus 1959, in 1960 war er bis dahin lediglich auf 2,11 gekommen!
Brumel konnte im zweiten Durchgang gleichziehen, doch Thomas scheiterte
dreimal. Ihm blieb damit nur die Bronzemedaille.
Dieser Wettkampf in Rom war der Wendepunkt in der Karriere des Amerikaners
und gleichzeitig der Beginn der "Ära Brumel". Gleichwohl
blieb Thomas bis zu den Olympischen Spielen in Tokio aktiv und gewann
dort die Silbermedaille mit 2,18, vier Zentimeter höher als in
Rom und höhengleich mit dem Sieger Brumel..