1. 7,61 Peter O'Connor Irland
Dublin, 05.08.1900, Olympiavorbereitungswettkämpfe
Die Iren nehmen in der Leichtathletik um die Jahrhundertwende eine bemerkenswerte
Stellung ein. Erster irischer Goldmedaillengewinner bei Olympischen
Spielen war der Allround-Sportler Thomas Kiely, der 1904 in St.Louis
den Zehnkampf gewann. Der Zehnkampf von damals war ein Vorläufer
der heutigen Konkurrenz, so gehörte ein kurios erscheinender Strauß
von Wettbewerben dazu und die gesamte Konkurrenz wurde an einem Tage
abgewickelt: 100y - Kugelstoßen - Hochsprung - 880y Gehen - Hammerwurf
- Stabhochsprung - 120y Hürden - Gewichtwurf - Weitsprung - 1 Meile.
Eingeladen wurde Kiely, der in seiner Heimat eine Berühmtheit war,
vom irischen Leichtathletikverband in der USA, daraufhin bot sich der
britische Verband an, die Reisekosten zu übernehmen, wenn er für
die Briten starten würde. Kiely gab beiden Verbänden einen
Korb und reiste auf eigene Kosten und startete als Ire.
Diese Hintergrundgeschichte habe ich Ekkehard zur Megedes "Die
Geschichte der Olympischen Leichtathletik - Teil I" entnommen,
um aufzuzeigen, in welchem Zwiespalt sich Irische Sportler in jener
Zeit befanden. Irland war nicht selbstän-dig und gehörte zur
englischen Krone. Patriotische Iren waren oft nicht bereit unter dem
"Union Jack" zu starten, viele Bewohner der Grünen Insel,
darunter auch bekannte Sportler, wanderten in die "Neue Welt"
aus und traten dann unter dem "Sternenbanner" an.
Irische Leichtathleten waren vor allem in den Sprüngen und Würfen
Weltklasse, einer der Spitzenspringer war Peter O'Connor, ein sehr schlanker
Athlet, der einen eigenen Sprungstil hatte. Er zog nach dem Absprung
die Knie seiner langen Beine bis an die Brust und segelte so auf große
Weiten.
Am 29.08.1900 sprang er in New Ross mit 7,51 seinen ersten Weltrekord,
noch weit vor der IAAF-Ära. Zu seinem besten Weitsprung-Jahr wurde
1901, er verbesserte den Weltrekord viermal bis zuletzt auf 7,6138 am
05.08.1901 im Stadion "Ball's Bridge" in Dublin. Der Anlauf
fand dabei auf einer harten hölzernen Bahn statt. Am 08.07. war
er zuvor sogar bis auf 7,633 "gesegelt", doch wurde diese
Weite nicht als Rekord anerkannt, da der Anlauf ein Gefälle von
2 ½ Zoll aufwies. 7,61m wurden als Weltrekord in die erste Weltrekordliste
der IAAF aufgenommen, da kein Springer bis dahin eine größere
Weite erzielt hatte (aufgestellt nach den Olympischen Spielen 1912).
An den Olympischen Spielen 1900 nahm Peter O'Connor genausowenig teil
wie 1904. Bei den häufig als "Zwischenspiele" bezeichneten
olym-pischen Wettkämpfen 1906 in Athen wurde er im Weitsprung mit
7,025 Zweiter hinter dem Amerikaner Meyer Prinstein (7,20), gewann aber
den Dreisprung mit 14,075 vor seinem Landsmann Cornelius Leahy, diese
Sprungdisziplin beherrschte er ebenso wie Weit- und Hochsprung. Beide
Iren starteten bei diesen Spielen für die Briten und man erzählt,
dass nach der Siegereh-rung der "Union Jack" von O'Connor
und seinen Freunden durch die grüne Flagge Irlands ausgetauscht
wurde.
Bei den englischen Meisterschaften gewann er den Weitsprung von 1901
- 1906 in Folge, dazu kamen 1903 und 1904 auch die Titel im Hochsprung.
Als Landesrekord wurden die 7,61 in Großbritannien fünf Jahre
nach seinem mit 83 Jahren erlittenen Tod, am 26.11.1962 von dem Waliser
Lynn Davies und als irischer Rekord erst nach 89 Jahren in 1990 abgelöst
(Carlos O'Connell - 7,63).
O'Connor, der Rechtsanwalt von Beruf war, trainierte ohne Couch und
bezeichnete sich selbst als starken Pfeifenraucher. Seinem Weitsprung
blieb er noch lange als offizieller Beglei-ter der Olympischen Spiele
erhalten (1924 - 1948).